Ein Artikel zum Totensonntag? Wer will denn so etwas lesen? Zweifel im Vorfeld dieses Beitrags, sie sind leider typisch, weil der Tod als Tabu-Thema irgendwie selbstverständlich ist.

Von Kerstin FISCHER
ARNSTADT.

"Wir wollen froh sein, dass wir noch leben", mit diesen Worten biegt meine Mutter seit jeher alle Gespräche, ab, die sich diesem Thema auch nur ansatzweise nä- hern. Bezeichnend 'ist auch das Ehepaar, das stets einen Bogen um den Friedhof fährt, wohl Um angesichts der Trauernden nicht an die eigene Endlichkeit erin- nert zu werden. Sven Tittelbach- Helmrich bedauert diese Art der Verdrängung. Dennoch, nach den
Beobachtungen des Amstädter Bestattungsunternehmers setzt langsam ein Umdenken ein.      Als Rückkehr zu alten Tradi- tionen auch im nördlichen Ilm- kreis sieht er mit Wohlwollen  den zunehmenden Wunsch vie- ler Angehöriger, den Verstorbe- nen noch einmal zu Hause auf- zubahren, um In aller Ruhe Ab- schied nehmen zu können.
Schon fast normal, wenn auch längst noch nicht alltäglich ist dagegen, statt des klassischen lRequiems, moderne Musik auf Trauerfeiern. "Time to say good bye" sei dabei das gefragteste Stück, aber auch "Mensch" von Herbert Grönemeyer, AC/DC  oder die Toten Hosen erklan- gen schon am Sarg-klar, vor al- lem jüngerer Verstorbener. "Die Musik  muss  passen,   wie   auch

die Kleidung", misst Tittelbach dem Wiedererkennungswert ho- he Bedeutung bei. Die Bestat- tung selbst erfolgt im Ilmkreis konventionell auf dem Friedhof. Auf den Mond oder sonstwo-   hin schießen lassen wollte sich bislang noch, niemand, berich- tet Tittelbach, ohne Anzeichen von Bedauern, über eine alter- native Beisetzungsmöglichkeit im Weltraum, bei der für viel Geld aber lediglich eine lippen- stiftgroße Urnenkapsel ins All befördert wird, und der Rest- ganz normal unter die Erde.    Auf einem Friedhof natürlich,    wo sonst. Im Garten oder am Häuschen, wie es sich laut Tit- telbach auch hierzulande viele gerne wünschen, ist untersagt. Friedhofszwang. Dort aber geht der Trend in eine Richtung, die Bestattungsexperten wenig zu- sagt: unter den grünen Rasen. Dieser letzte Wunsch einer   auch im Ilmkreis stetig steigen- den Zahl Verstorbener, etwa  aus Kostengründen oder um Angehörige nicht mit Grabpfle- ge zu belasten, bereite den Hin- terbliebenen bei der Trauerbe- wältigung aber oft große Proble- me, da sie letztlich keinen kon- kreten Ort zum Gedenken  haben, hat Tittelbach in vielen

Gesprächen erfahren. Alterna-   tiv zu diesen anonymen Anla-   gen  gibt   es  vielerorts   inzwi-
schen Gemeinschaftsgräber und/ oder Kolumbarien (Mauern für Urnen). Im Ilmkreis sucht man letztere vergebens, ebenso Fried-wälder, wo unter den Wurzeln eines Baumes ganze Familien    die letzte Ruhe finden können. Wie schwer es ist, innovative Ideen durchzusetzen, hat auch Barbara Borck erfahren müssen. Die 33-jährige Bad Langensal- zaerin bemalt Särge und Urnen nach einem missglückten Start    in die Selbstständigkeit heute nur noch als Hobby für Bestattungs- unternehmen. Im Ilmkreis fand  sie noch keine Interessenten. Ein Wandel, was das Thema  Tod und Sterben angeht, voll-      zieht sich offenbar bei den Jün- geren. Bewarb sich binnen vie- ler Jahre gerade ein einziger Heranwachsender um ein Prak- tikum, könnte er heute in Feri- en sechs Praktikanten einstel-       len, berichtet Bestatter Tittel- bach. Auch bitten zunehmend Schulen um Vorträge im Ethik- unterricht, kämen Klassen zu Be- such, freut er sich über reges In- teresse, wohl auch in der Hoff- nung, dass das Thema damit,  bald die längste Zeit tabu war.