Sven gibt dem Tod ein neues Aussehen

Von Christiane Martin, 
BILD Halle u. Sachsen-Anhalt
v. 07.November 2000

Er gibt dem Tod ein natürlicheres Aussehen...

Helles Licht erfüllt den kühlen Raum. Leise summt die Lüftung, es riecht schwach Äthanol und Formalin.   Auf dem Tisch Skalpelle, Scheren, Tupfer, Klemmen. Dazu  Kosmetika und Utensilien die Schönheitschirurgen   benötigen. Wenn  Sven  Tittelbach (35)  von seiner  Arbeit  spricht,   läuft  es
den meisten eiskalt den Rücken herunter.  Kaum jemand möchte mit ihm tauschen.
Der Bestatter aus dem  thüringischen Arnstadt ist einer nur 80   staatlich anerkannten Thanatopraktiker in Deutschland, die Tote konservieren. Im Amtsdeutsch heißt das "Hygienische Totenversorgung", für einen würdevollen Abschied am offenen Sarg.
Bei Überführungen ins Ausland ist sie sogar vorgeschrieben. In Sachsen-Anhalt gibt es keinen Thanatopraktiker. Der nächste ist Sven Tittelbach.
Zu  DDR - Zeiten hörten die Angehörigen  oft: "Lassen Sie den Sarg lieber zu." Tote wurden nur hinter Glas gezeigt. Aus Erfahrung weiß Sven Tittelbach wie dankbar Familien für einen letzten Blick sind: "Gerade wenn Menschen durch Unfälle aus dem Leben gerissen werden, hilft es die Endgültigkeit des Todes zu verarbeiten." Manche verweilen Stunden im Abschiedsraum...
Mit Ruhe und sicheren Handgriffen beginnt Sven Tittelbach die Behandlung der Leiche. Er setzt in Höhe des Schlüsselbeines einen kleinen Schnitt, um  Injektionskanülen in Halsvene und Halsschlagader zu führen. Mit 0,3  Bar wird die Konservierungsflüssigkeit in das Gefäßsytem gepumpt. Dabei massiert Tittelbach Körper,  Gliedmaßen,  Gesicht und Ohren.  Das Formalingemisch verteilt sich dabei in etwa zwei Stunden im gesamten Körper und hält so die Verwesung für circa drei Wochen auf. Totenblässe und Verfärbungen verschwinden, die Haut wirkt wieder natürlich. Danach wird das Gesicht kosmetisch behandelt, Verletzungen durch Modellieren und Schminken kaschiert. Als Vorlage, auch für die Frisur dienen Fotos.
Rund vier Stunden ist der Thanatopraktiker mit Konservieren, Waschen, Ankleiden  und Einbetten des Toten beschäftigt. Sven: "Bei extremen Verletzungen oder Leichen, die in der Gerichtsmedizin geöffnet wurden, dauert es länqer." Für Sven Tittelbach gehört der Tod zum Alltag seit er in der DDR einen DRK-Sanitätswagen  fuhr. 1991 wurde er Bestatter und absolvierte 1997  die thanatopraktische Spezialausbildung in Düsseldorf und den USA, wo 95 Prozent aller Toten konserviert aufgebahrt werden.
 "In Deutschland ist es noch zu wenig bekannt", berichtet Tittelbach, der seinen Service im Normalfall ab 250 Mark anbietet.